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News 08.11.2016

Teuer, aber flexibel: Brauchen wir Biomasse als Flexibilitätsoption im Strommarkt der Zukunft?

Zu dieser Frage äußern sich Dr. Claudius da Costa Gomez, Hauptgeschäftsführer des Fachverbandes Biogas, und Dr. Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende.

PRO: Dr. Claudius da Costa Gomez
Dr. Claudius da Costa Gomez ist Hauptgeschäftsführer des Fachverbandes Biogas e. V.

Die Kilowattstunde Strom aus Biogasanlagen ist so lange teurer als Strom aus Onshore-Wind, Photovoltaik und Wasserkraft, wie es keine wirklichen Märkte für Strom und CO2-Emissionen gibt. Wenn es diese gäbe, würden Kohlekraftwerke schnell abgeschaltet und Flexibilitätsoptionen für erneuerbare Energien schneller in den Markt kommen. Damit käme dann auch endlich der erneuerbare Wärmemarkt in Gang – und ein weiteres Produkt aus Biogasanlagen würde einen angemessenen Preis erzielen. Damit würde der Strom aus Biogas nochmal günstiger.

Durch die Kombination von Aufbereitungsanlagen und Power-to-Gas-Anlagen wird zukünftig aus H2 und CO2 Biomethan, das wiederum im bestehenden Erdgasnetz gespeichert und dorthin transportiert werden kann, wo es gebraucht wird. Damit bietet die Biogastechnologie Antworten auf zwei Grundfragen der Energiewende: Wie speichern wir erneuerbare Energie so, dass genügend Strom da ist, wenn er gebraucht wird; und wie transportieren wir ihn dorthin, wo er gebraucht wird.

Sollte das erneuerbare Biomethan wider Erwarten nicht für die Strombereitstellung benötigt werden, kann man es auch für die erneuerbare Mobilität in Schiffen oder im Schwerlastverkehr nutzen. Wussten Sie, dass schon heute jeder zweite in den USA zugelassene LKW mit Gas betrieben wird? Die Investition in Biogasanlagen lohnt sich auf jeden Fall – welche Anforderungen auch immer die Zukunft bringen mag.

Darüber hinaus bietet die Biogasnutzung weitere positive Nebeneffekte bei der Abfallentsorgung, im Nährstoffmanagement und durch die Vermeidung von aus Güllelagern unkontrolliert entweichendem Methan. Wenn diese Umweltdienstleistungen durch entsprechende Märkte – und nicht über den Kilowattpreis für erneuerbaren Strom in der EEG-Umlage – finanziert würde, spräche niemand von der teuren Flexibilitätsoption Biogas. Die Frage ist nur, wann das diejenigen, die von Strompreisbremse und teuren erneuerbaren Energien sprechen, verstehen. Und wann sie dieses Wissen in politische Entscheidungen umsetzen werden.
Dr. Claudius da Costa Gomez ist Hauptgeschäftsführer des Fachverbandes Biogas e. V.



CONTRA: Dr. Patrick Graichen
Dr. Patrick Graichen ist Direktor von Agora Energiewende

Bioenergie hat unter den erneuerbaren Energien einen unschlagbaren Vorteil gegenüber Wind- und Solaranlagen: Sie liefert nicht nur dann Strom, wenn das Wetter gerade danach ist, sondern ist steuerbar. Im Rahmen dessen, was die Äcker an Substrat hergeben, kann die Bioenergie also zu einem Garanten für die hohe Versorgungssicherheit unseres Stromsystems werden – sowohl bei der Bereitstellung von Flexibilität als auch bei der Stromproduktion in wind- und sonnenschwachen Zeiten.

ABER: Billig ist das nicht. Denn das im Fermenter erzeugte Gas wird bei einer flexiblen Biogasanlage nicht wie bisher sofort verbraucht, sondern in einem Gasspeicher zwischengelagert. Zudem müssen Gasmotor und Generator leistungsfähig genug sein, um das zwischengespeicherte Gas bei Bedarf auch rasch zu verarbeiten. Beides macht Strom aus Biogasanlagen teurer.

Konkret: Eine flexible Biogasanlage hat dann zum Beispiel eine Leistung von 1 Megawatt statt 500 Kilowatt, sie läuft aber nur 3.000 statt 6.000 Stunden im Jahr. Damit stehen Gasmotor und Generator als Flexibilitätsdienstleister zur Verfügung – aber der größere Motor, der größere Generator und auch der größere Gasspeicher müssen bezahlt werden. Strom aus Bioenergie, der ohnehin jetzt schon mit 15 bis 23 ct/kWh Stromgestehungskosten etwa doppelt bis dreimal so teuer ist wie Strom aus Wind- und Solaranlagen (Stromgestehungskosten von etwa 7 bis 8 ct/kWh), wird durch eine solche Flexibilisierung also noch teurer. Es geht aber darum, die Energiewende möglichst kostengünstig zu bekommen.

Was bedeutet das für die Bioenergie? Kurzfristig ist es richtig, sie in begrenztem Umfang weiter zu fördern und dabei auch ihre Flexibilisierung voranzutreiben – der Korridor von 150 bis 200 MW pro Jahr geht dabei in Ordnung. Mittel- bis langfristig muss sich die Bioenergie dann im Wettbewerb mit den anderen CO2-freien Flexibilitätsoptionen behaupten. Bioenergie konkurriert dann mit Lastmanagement, Batterien und Power-to-Gas darum, fossile steuerbare Erzeugungskapazitäten auf dem Weg in eine 100-prozentige Erneuerbaren-Welt ersetzen zu können. Welche Technologie dabei am Schluss welchen Anteil haben wird, sollte der Wettbewerb entscheiden.

(Quelle: Pressemitteilung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie vom 08.11.2016)