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News 22.05.2018

Da ist noch Luft nach oben – der offene Luftraum als unterschätztes Habitat

Zahlreiche Fledermausarten jagen und ziehen in großer Höhe. Bisher hatten jedoch weder Forscher noch Umweltschützer „auf dem Schirm“, dass der (nach oben) offene Luftraum auch Lebensraum für viele Tierarten ist. In ihrer aktuellen Studie tragen Wissenschaftler um Christian Voigt vom Leibniz-IZW Berlin den Wissensstand über die Gefahren in luftiger Höhe zusammen und zeigen mögliche Schutzmaßnahmen auf.

Bei ihren nächtlichen Jagdausflügen steigen Fledermäuse erstaunlich hoch auf. Jenseits der Baumwipfel nutzen sie einen breiten Bereich der unteren Troposphäre: Hierzulande gibt es GPS-Aufnahmen von Fledermäusen aus 500 Metern, in Thailand aus bis zu 800 Meter Höhe über dem Boden. Ein Blick in die Literatur zeigt jedoch, dass da buchstäblich noch viel Luft nach oben ist. Denn den Rekord hält die Mexikanische Bulldoggfledermaus Tadarida brasiliensis mit über 3.000 Metern über dem Boden! Selbst der hierzulande ansässige Große Abendsegler Nyctalus noctula schwingt sich manchmal über 1.000 Meter in die Höhe. Der offene Luftraum ist demnach ein wichtiger und unterschätzter Lebensraum von Fledermäusen, der beim Artenschutz bislang nahezu vollständig vernachlässigt wurde. Konzepte für Luftschutzgebiete im Sinne des Habitatschutzes gibt es in Europa bisher keine. Und das, obwohl 21 der 53 auf dem Kontinent beheimateten Fledermausarten im offenen Luftraum nach Insekten jagen.

„Bei einem Habitat, also einem für Tiere geeigneten Lebensraum, denken wir meist an Landschaften, wie Wiesen, Wälder oder Gewässer. Also an erdnahe Flächen“, sagt Christian Voigt. „Den unteren Bereich der Troposphäre nahmen wir bisher als für Tiere relevantes Habitat gar nicht wahr.“ Dabei ist hier einiges los: Neben Zugvögeln migrieren viele Insektenarten in großen Höhen. „Insekten nutzen die Winde in diesen Bereichen, um Strecken zurückzulegen, die sie aus eigener Kraft nicht bewältigen könnten.“ Kein Wunder also, dass auch Fledermäuse dort zu finden sind, denn da fliegt ihr Futter – und zwar massenweise.

Die Insektendichte ist regional unterschiedlich. Zudem hat sich ihre Zahl insgesamt durch Luftverschmutzung und gestiegenen Pestizideinsatz in der Landwirtschaft verringert. Die Forscher rechnen damit, dass sich der Luftraum dementsprechend weiter fragmentiert – in „futterreiche“ und „futterarme“ Zonen. Je nach Art legen große Federmausschwärme in Südostasien deshalb bei ihren Beutezügen schon mal 40 bis 50 Kilometer pro Nacht zurück. Radaruntersuchungen in Nordamerika zeigten, dass sie dabei dreidimensional über breite Landstriche ausschwärmen. „Manche Fledermauskolonien bestehen aus einer, zwei oder gar zehn Millionen Individuen. Sie können also nicht alle lokal ihre Beute finden und nutzen daher große Höhen, wo sie auch Schadinsekten der Landwirtschaft verzehren“, erklärt Christian Voigt.

Bei der Jagd im offenen Luftraum sind die Tiere diversen Gefahren ausgesetzt. Zu den direkten gehört die tödliche Kollision mit anthropogenen Strukturen wie hohen Gebäuden, Windkraftanlagen, Drohnen, Helikoptern und Flugzeugen. Angesichts des steigenden Luftverkehrs und der stärkeren Nutzung alternativer Energiequellen eine wachsende Gefahr.

Zu den indirekten Gefahren zählen neben der abnehmenden Insektendichte die Lichtverschmutzung sowie die Luftverschmutzung durch Feinstaub, Chemikalien und Autoabgase. „Fledermäuse sind Athleten mit Flügeln. Bei zwei Arten konnten wir beobachten, dass sie während der Jagd in kurzer Zeit mehrere Hundert Höhenmeter wiederholt auf- und absteigen. Das ist eine enorme Kraftanstrengung, bei der die Tiere potenziell sehr empfindlich für Schadstoffe in der Luft sind“, betont Voigt.

Anders als bei klar abgesteckten terrestrischen und aquatischen Habitaten ist der Schutz des offenen Luftraumes nicht einfach. „Es ist im Grunde das gleiche Dilemma wie mit den Ozeanen. Der Luftraum ist Allgemeingut, wodurch die Verantwortlichkeiten zunächst unklar und Kontrollen schwer umsetzbar sind“, sagt Christian Voigt. Der Schutz von Fledermäusen ist für die Menschheit neben ihrer prinzipiellen Schutzwürdigkeit auch von unmittelbarem wirtschaftlichem Interesse, da die einzigen flugfähigen Säugetiere weltweit zahlreiche Schadinsekten in Schach halten.

Überlegungen, was zum Habitatschutz des Luftraumes zu tun ist, gibt es einige. „Es gibt bereits nachhaltige Schutzkonzepte. Um zum Beispiel die Schlagopferzahlen an Windkraftanlagen zu reduzieren, gibt es zumindest in Deutschland entsprechende Genehmigungs-Auflagen, die die Betreiber beachten müssen. Wie gut diese bundesweit angewandt werden, ist bislang unbekannt. “, sagt Voigt. Die Migrationskorridore und Rastgebiete von Fledermäusen und Zugvögel müssen zudem von Windkraftanlagen freigehalten werden. Hocheffizient und vergleichsweise simpel sind Strategien, um das für Fledermäuse irritierende Streulicht im Himmel, den Skyglow, zu reduzieren: Beleuchtung bitte nach unten und nicht gen Himmel richten! Weitere Forschungen zur Rolle der Troposphäre als essenzieller Lebensraum sind nun notwendig, um noch besser verstehen zu können, wie die Tiere, die darin leben, am besten geschützt werden können.

Publikation:
Voigt CC, Currie SE, Fritze M, Roeleke M, Lindecke O (2018): Conservation strategies for bats flying at high altitudes. BioScience, biy040, https://doi.org/10.1093/biosci/biy040

Kontakt:
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW)
Christian Voigt
Tel. 030 51 68 517
E-Mail voigt@izw-berlin.de

Steven Seet
Tel. 030 51 68 125
E-Mail seet@izw-berlin.de

Weitere Informationen:
https://doi.org/10.1093/biosci/biy040
http://www.izw-berlin.de

(Quelle: Pressemitteilung des Forschungsverbundes Berlin e.V. vom 22.05.2018)