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News 18.05.2018

Positive Effekte von Energieeffizienz - Horizont-2020-Projekt COMBI präsentiert Ergebnisse

Energie einzusparen hilft dem Klima und wirkt sich positiv auf Luftreinheit, Gesundheit, Ökosystem, Ressourcenverbrauch sowie auf die Wirtschaft und Energiesicherheit aus. Ein europäisches Forscherteam unter Leitung des Wuppertal Instituts fand nun heraus: Solche zusätzlichen Effekte summieren sich auf mindestens ein Drittel der Energiekosteneinsparungen. Während der Abschlusskonferenz in Brüssel präsentierten sie nun die Ergebnisse ihrer Analyse der Anwendung von mehr als 20 Effizienztechnologien in allen 28 EU-Mitgliedsstaaten des Horizont-2020-Projekts „Calculating and Operationalizing the Multiple Benefits of Energy Efficiency in Europe” (COMBI) und ein neues Online-Tool.

Damit die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreicht und die Treibhausgasemissionen reduziert werden, sind Energieeinsparungen notwendig. Deshalb folgen viele europäische Mitgliedsstaaten dem Prinzip „Energieeffizienz zuerst“. Auch die Kommission der Europäischen Union (EU) stützt sich bei den neuesten Entwürfen für EU-Richtlinien und Energieeinsparziele auf dieses Prinzip. Zahlreiche Studien, wie etwa die der EU-Kommission oder des Fraunhofer-Instituts für Innovations- und Systemforschung ISI zeigen, dass sich die meisten zusätzlichen Investitionen in Energieeffizienz-Maßnahmen mit Kosteneinsparungen über die technische Lebensdauer auszahlen. Es gibt darüber hinaus jedoch weitere positive Effekte, die in der öffentlichen Diskussion und damit auch in der politischen Entscheidungsfindung noch nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Im Rahmen des Forschungsprojekts „Calculating and Operationalizing the Multiple Benefits of Energy Efficiency in Europe“ (COMBI) untersuchte das Wuppertal Institut zusammen mit den Universitäten Antwerpen und Manchester, Copenhagen Economics, sowie Advanced Building and Urban Design (ABUD) umfassend die Konsequenzen von Energieeffizienz-Szenarien. Das Europäische Forschungsprogramm Horizont 2020 finanzierte das Projekt mit rund einer Millionen Euro über drei Jahre. Die Forscherinnen und Forscher erstellten zunächst detaillierte Szenarien, mit denen die Umsetzung von Effizienzmaßnahmen aus unterschiedlichen Sektoren modelliert wurde. Hierbei entwickelten sie ein Referenz- und ein ambitioniertes Effizienzszenario bis zum Jahr 2030, wie es auch derzeit in den EU-Institutionen diskutiert wird. Die daraus resultierenden Energieeinsparungen und korrespondierenden Investitionskosten flossen als Ausgangsgrößen in weitere spezialisierte Modelle ein, um differenzierte Aussagen über die Konsequenzen des Energieeffizienz-Programms machen zu können.

Effizienzbeispiel: Gebäudesanierung
Die Luftverschmutzung ist eine von fünf Analysekategorien, denen sich das COMBI-Forscherteam widmete. Dabei untersuchte es beispielsweise die Auswirkungen von Gebäudesanierungen und stellte die aufzubringenden Investitionen den positiven Effekten einer Sanierung gegenüber. Demnach führen Sanierungsmaßnahmen nicht nur zu verringerten Energiekosten, sondern auch zu saubererer Luft und einem gesünderen Raumklima in Gebäuden, was nachweislich positive Effekte auf die Gesundheit der Menschen hat, die sich darin aufhalten. Wird ein Gebäude modernisiert, sinken zunächst die Energiekosten. Nach Angaben von Johan Couder, COMBI-Forscher an der Universität Antwerpen, könnten sich in den untersuchten Jahren von 2015 bis 2030 die zusätzlichen Investitionen in Europa für Gebäudesanierungen auf 300 Milliarden Euro belaufen. „Dem gegenüber stehen allerdings über 330 Milliarden Euro an zusätzlichen Energiekosteneinsparungen über die Lebensdauer der Gebäude“, ergänzt Couder. Hinzu kommen die positiven Gesundheitseffekte aus der Verbesserung des Raumklimas, wodurch sich eine insgesamt deutlich positive Bilanz ergibt.

Das Forscherteam ging im Projekt COMBI noch einen Schritt weiter: Sie setzten das GAINS-Modell des Wiener International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) ein, das die Energieeinsparungen in niedrigere Luftschadstoffkonzentrationen umsetzt. Dabei fanden sie heraus, dass allein durch die Gebäudesanierung in der EU rund 2.000 Todesfälle pro Jahr vermieden werden könnten. Mit besseren Neubauten ließen sich jährlich weitere 16.000 vorzeitige Todesfälle abwenden, insgesamt 38.000 verlorene Lebensjahre könnten vermieden werden.
Das Projektteam bezifferte zudem, dass sich durch die Gebäudesanierung der ökologische Fußabdruck um mehr als 90 Megatonnen senken ließe. Auch die kurzfristigen, wirtschaftlichen Vorteile seien beeindruckend: „Zusätzliche Investitionen und verfügbare Einkommen aufgrund niedrigerer Energiekosten könnten die Wertschöpfung in der EU um bis zu 42 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen und über 650.000 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen“, bilanziert Johannes Thema, wissenschaftlicher Koordinator des Projekts in der Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal Institut. Dies sei jedoch nur dann der Fall, wenn das jeweilige Land über freie Produktionskapazitäten verfüge – sich also in einem wirtschaftlichen Abschwung befinde – was heute etwa die Hälfte der EU-Mitgliedsstaaten betrifft.

COMBI: Online-Tool
Neben der Präsentation der Projektergebnisse stellte das Forscherteam am 17. Mai 2018 auch ein Online-Tool auf der COMBI-Abschlusskonferenz in Brüssel vor. Es bietet Zugang zu den Projektergebnissen und erlaubt visualisierte und anpassbare Kosten-Nutzen-Analysen. Politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern soll es künftig eine weitere Orientierung für die Entwicklung neuer Gesetze und politischen Zielsetzungen geben. Die Hoffnung des COMBI-Teams ist, dass die zusätzlichen positiven Auswirkungen von Energieeffizienzmaßnahmen eine größere Rolle im politischen und öffentlichen Diskurs spielen. Das Tool ist kostenlos verfügbar.

Dieses Projekt wurde durch das EU-Programm „Horizont 2020“ für Forschung und Innovation im Rahmen der Finanzhilfevereinbarung Nr. 649724 gefördert.

Weitere Informationen:
https://wupperinst.org/p/wi/p/s/pd/524/
https://combi-project.eu/
https://combi-project.eu/charts/
https://wupperinst.org/a/wi/a/s/ad/4306/

(Quelle: Pressemitteilung des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie gGmbH vom 18.05.2018)