Buch-Tipps

Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung e.V. an der Hochschule Neubrandenburg (Hrsg.)
(2007)

Umweltschutz in der DDR – Analysen und Zeitzeugenberichte


Der Umweltschutz hatte Ende der 1980er Jahre in den Augen der Bevölkerung der Deutschen Demokratischen Republik insbesondere in den Industrieregionen in den Süd-Bezirken höchste Priorität. Auseinandersetzungen um Umweltprobleme wurden in diesen Regionen zunehmend öffentlich ausgetragen. Eine Bewegung „oppositioneller“ Umweltgruppen entstand. In der Bundesrepublik erfreute sich vor der „Wende“ 1989 vor allem der Teil dieser „oppositionellen“ Umweltbewegung einer großen Aufmerksamkeit, der unter dem Dach der evangelischen Landeskirchen arbeitete.
Der Umweltschutz war dann in der Zeit der „Wende“ auch einer der wichtigsten Verhandlungsgegenstände am „Runden Tisch der DDR“. Erste Umweltbilanzen erschienen mit dem „Umweltbericht der DDR“, der auch eine empirische Grundlage für Urteile über die Umweltpolitik der DDR bildete. Auch auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik erlebte das Interesse am Thema „Umweltschutz in der DDR“ in den ersten Jahren nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten einen kurzen Aufschwung. Dann ebbte es deutlich ab und ist heute fast verschwunden. In vorliegenden Rückblicken herrscht in der Regel ein negatives Urteil über den Umweltschutz in der DDR vor: Für die einen gab es eine Umweltpolitik, die ihren Namen verdiente, nicht. Für die anderen war sie theoretisch vorbildlich, aber praktisch ebenfalls nicht vorhanden. Für Dritte zeigten nur die (oppositionellen) Umweltgruppen unter dem Dach der evangelischen Landeskirchen umweltpolitische Verantwortung.
Das vorliegende Werk bietet umfassende Grundlagen für ein differenzierteres Bild, denn viele Expertinnen und Experten haben sich in unterschiedlichen Arbeitszusammenhängen engagiert für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen in der DDR eingesetzt, für Bodenschutz, Gewässerschutz und Schutz vor Lärm, für die Luftreinhaltung, für Naturschutz und Landschaftspflege.

In den vorliegenden 3 Bänden haben die Bearbeiter insgesamt 44 Autoren und 2 Autorinnen versammelt, die zum großen Teil Zeitzeugen und Zeitzeuginnen sind und in vielen Fällen jahrzehntelang in der DDR in den Bereichen Umweltforschung, staatlicher Umweltschutz und Umweltgestaltung arbeiteten und in gesellschaftlichen Organisationen wie dem Kulturbund oder der Kammer der Technik wirkten. Auch Vertreter der nichtstaatlichen oppositionellen Umweltbewegung (z.T. unter dem Dach der Kirche) schildern ihre Erfahrungen und einige westdeutsche Wissenschaftler tragen ihre Forschungsergebnisse bei. Insgesamt stellen die Beiträge, auch die der Zeitzeugen und Zeitzeuginnen einen kritischen Rückblick dar. Viele bisher nicht oder nur wenig beachtete Themenstellungen werden bearbeitet und Chancen und Hemmnisse, Reichweite und Grenzen für eine erfolgreiche Umweltpolitik im zweiten deutschen Staat beschrieben.

Im Band 1 finden sich Analysen und Zeitzeugenberichte zu den Rahmenbedingungen der Umweltpolitik in der DDR. Im Sinne einer Einführung gibt Behrens eine Übersicht über seit 1990 erschienene Rückblicke auf den Umweltschutz in der DDR insgesamt oder auf einzelne Bereiche der Umweltpolitik. Auf dieser Grundlage werden einige Forschungsdefizite benannt. Hoffmann und Behrens stellen daraufhin die Organisation des Umweltschutzes in der DDR dar. Danach wird die Entwicklung wichtiger Umweltschutz-Begriffe wie dem der „sozialistischen Landeskultur“ (Krummsdorf) dargestellt. Es folgen Analysen zu den stofflichenergetischen Rahmenbedingungen der Umweltpolitik (Tammer), zum Umweltrecht (Oehler), zur sozialistischen „Reproduktionstheorie“ (Tjaden), zu Aspekten der Umweltphilosophie (Löther, Hörz) und zur Wahrnehmung der „Umweltfrage“ in der belletristischen Literatur (Knabe). Beispielhaft werden schließlich Umweltprobleme und Umweltpolitik in den damaligen Bezirken Potsdam und Neubrandenburg dargestellt (Beiträge Herrmann und Behrens).

Im Band 2 folgen mediale und sektorale Betrachtungen der Umweltpolitik der DDR mit Beiträgen zu Problemen des Naturschutzes und der Landschaftspflege bzw. der Landeskultur in den Agrarlandschaften der DDR sowie zum Schutz und zur Entwicklung der Wälder (Wegener & Reichhoff, Gloger, Könker, Mohr, Joachim, Großer), zur Umweltrelevanz der Dorfplanung (Mittag), zum Gewässer- und Küstenschutz (Klapper, Simon, Bencard und Haase), zur Sekundärrohstoffwirtschaft (Kutzschbauch, Donner, Ramin, Hartard und Huhn), zum Lärmschutz (Schuschke, Brüdigam und Schirmer), zum Bodenschutz in Bergbaulandschaften (Mücke, Krummsdorf) und schließlich zum Ausstieg aus der Atomenergienutzung (Pflugbeil).

Im Band 3 widmen sich die Autoren und die Autorin dem Themenbereich „beruflicher, ehrenamtlicher und freiwilliger Umweltschutz“. Es werden von Zeitzeugen neben dem Beirat für Umweltschutz beim Ministerrat der DDR (Oehler) und dem Rat für Umweltforschung beim Präsidium der Akademie der Wissenschaften der DDR (Mundt) die Klasse Umweltschutz und Umweltgestaltung an der Akademie der Wissenschaften (Kroske) und die Sektion Landeskultur der Deutschen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften – später Akademie der Landwirtschaftswissenschaften – (Bauer) vorgestellt. Behrens stellt das Institut für Landschaftsforschung und Naturschutz (ILN) vor, Zuppke das Zentrum für Umweltgestaltung. Mohry gibt einen Überblick über die 290.000 „Experten-Köpfe“ zählende Kammer der Technik. Der Umweltbewegung der DDR widmen sich Behrens, Gensichen und Beleites. Simon und Rogge stellen den Bezirksfachausschuss Wasser der Gesellschaft für Natur und Umwelt im Kulturbund der DDR im Bezirk Magdeburg als Beispiel für ehrenamtlichen und freiwilligen Gewässerschutz dar. Beispiele für die hochschulgebundene Umweltforschung und ein Bericht über eine frühe studentische Umweltschutzinitiative in Tharandt (Sachsen) folgen (Hänsel, Krummsdorf, Fritsche, Dobberkau, Stottmeister und W. Knabe). Ein Beitrag über Umweltplakate in der DDR beschließt den dritten Band (Behrens und Hoffmann).

Insgesamt zeigt sich, dass es in der Geschichte der DDR-Umweltpolitik mindestens vier Phasen gab, die jede für sich interessante Ansätze und Entwicklungen bergen, deren weitere Untersuchung sich lohnen wird: Die Phase bis Anfang der 1960er Jahre, zu der als innovative Ansätze die „Landschaftsdiagnose der DDR“, das Naturschutzgesetz der DDR von 1954 oder die „landschaftsgebundenen Tagungen“ gehören, dann die Phase, in der als frühes modernes Umweltschutzgesetz das Landeskulturgesetz entstand, das 1970 verabschiedet wurde. Diese Phase endete mit der Einrichtung des Ministeriums für Wasserwirtschaft und Umweltschutz 1972. Danach begann allerdings bereits die widersprüchliche Phase der Stagnation – wesentlich mit hervorgerufen durch die Verschärfung der Rohstoff- und Energiesituation durch den „Ölschock“ Mitte der 1970er Jahre und die damit verbundene Renaissance der Braunkohle in der DDR mit ihren Umweltfolgen. Auch in dieser Phase gab es mit den Landschaftstagen noch interessante Ansätze einer modernen Umweltpolitik. Seit Mitte der 1980er Jahre führten zunehmende Stoff- und Energieprobleme zu wachsenden regionalen Umweltproblemen und auf dieser Grundlage zum Entstehen oppositioneller bzw. autonomer Umweltgruppen.

Kaum analysiert werden in den drei Bänden allerdings die internationalen Umweltbeziehungen der DDR und dabei die außenwirtschaftlichen Verhältnisse, denen sie ausgesetzt war (Einbindung in den RGW, Devisenprobleme im Zuge der Weltmarktintegration, insbesondere stofflich-energetische Abhängigkeit). Dies bleibt weiteren Arbeiten vorbehalten, was auch der Einschätzung der Bearbeiter entspricht, dass die Aufarbeitung der DDR-Geschichte im Umweltpolitik-Bereich erst bevorsteht.

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Hinweis: Verantwortlich für den Wortlaut und Inhalt dieser Seiten sind jeweils die Autoren bzw. Verlage der vorgestellten Publikationen. Die Darstellung und Beurteilung der Publikationen ist nicht unbedingt mit der Meinung der Redaktion identisch.
Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung e.V. an der Hochschule Neubrandenburg (Hrsg.), Hermann Behrens und Jens Hoffmann (Bearbeiter):

Band 1: Politische und umweltrechtliche Rahmenbedingungen
Band 2: Mediale und sektorale Aspekte
Band 3: Beruflicher, ehrenamtlicher und freiwilliger Umweltschutz

1100 Seiten, oekom verlag München, 2007; ISBN-10: 3-86581-059-4; ISBN-13: 978-3-86581-059-5; Zusammen: 54,80 Euro